IM INTERVIEW MIT ALEXANDRA REINWARTH

Alexandra Reinwarth, 1973 geboren in Nürnberg. Mit ihren humorvollen Lebensratgebern, die eher als Eigenerfahrung und Selbstprojekt zu verstehen sind, zählt sie mittlerweile zu den erfolgreichsten deutschen Autorinen.

Ihr aktuelles Buch "Glaub nicht alles, was du denkst" ist seit Juni 2019 im Handel erhältlich. 

 

Sie sind in Nürnberg geboren,

warum haben Sie die Stadt verlassen?

Naja – ich war 9 Monate als ich von Nürnberg weg gezogen bin, also würde ich sagen wegen meinen Eltern :-)

 

Werden Sie je wieder zurückkehren?

Inzwischen habe ich ja sogar Deutschland verlassen und lebe seit 2000 in Spanien und so wie es aussieht werde ich auch dort bleiben. Aber ich kehre oft nach Nürnberg zurück, denn lustigerweise verfolgt mich Nürnberg mein ganzes Leben: meine beste Freundin ist aus Nürnberg, der Vater meines Sohnes kommt aus Nürnberg und die zuständigen Großeltern des Kindes wohnen dort, wir kommen also immer wieder auf ein paar Bratwürst vorbei :-)

 

Wie kamen Sie auf die Idee ein Buch zu schreiben?

Ganz ehrlich – ich habe in der Werbung gearbeitet und mit der Krise 2008 waren plötzlich ganz viele Aufträge weg. Ein Freund von mir hat mir vorgeschlagen bei seinem Buchprojekt mitzumachen und so kam das ins Rollen. Aber ich habe schon immer gerne geschrieben und war in der Schule Deutschlehrers Liebling

 

Für ‚Das Leben ist zu kurz für später’ starteten Sie das Experiment so zu Leben als hätten Sie nur noch ein Jahr zu leben.

Hat das Experiment Ihr Leben verändert?

So eine fiktive Restlaufzeit funktioniert ganz gut, wegen seiner Eindrücklichkeit. Auch weil es hilft das eigene Herz wieder zu hören.

Es kommen dann ja schon grundsätzliche Fragen hoch: 

Was würde ich im Nachhinein bereuen? 

Um was wäre ich froh? Um wen? Solche Dinge.

Der Vorteil ist, dass die Angst wegfällt. Denn wenn Sie sich vorstellen, Sie blicken am Ende Ihres Lebens zurück – ob in einem oder mehr Jahren – dann werden Sie sich eventuell fragen: zu was war die ganze Vorsicht gut?

Ich sterbe sowieso, da hätte ich Risiken eingehen können, um das Leben so zu leben wie ich es gerne wollte.

Es war aber nur ein Trick, um eben nicht permanent zu vergessen, was wirklich zählt und danach zu handeln – es schärft den Blick ungemein.

 

Leben Sie noch immer nach dieser Devise?

Ja. Ich mache was mir am Herzen liegt und nicht was die meisten guten Gründe hinter sich versammelt oder am leichtesten ist.

Das ist so ein schönes Gefühl, so lebendig und authentisch und – groß, das wollen Sie automatisch dann immer wieder so machen.

Im Herzen wissen wir ja eigentlich immer alles, ohne Angst danach zu handeln ist dann eine richtige Befreiung.

 

Ihr neues Buch heißt ‚Glaub nicht alles was du denkst’. Was glauben Sie sich selbst nicht mehr?

Ich glaube nicht mehr, dass meine Entscheidungen das Resultat vernünftiger Überlegungen sind:

ich tappe viel zu oft in Denkfallen, bemerke diese aber inzwischen viel öfter.

 

Warum brauchen wir so viele Lebensratgeber?

Brauchen wir nicht. Ratgeber funktionieren überhaupt nicht. Wenn es nach Ratgebern ginge wäre ich schon längst schlank im Schlaf,

ich wäre Schlagfetigkeits-Profi und würde mich nicht sorgen, sondern leben. Ratgeber können zwar etwas erklären

und der Verstand kann es begreifen, aber ändern tut das überhaupt nichts.

 

Was unterscheidet Ihre Ratgeber von anderen?

Naja, meine Bücher sind in dem Sinne keine Ratgeber. Ich mache nur irgendwelche Sachen und man kann mir dabei zugucken.

Oft passieren dann Dinge, die den Leuten bekannt vorkommen und sie erkennen sich wieder.

Außerdem ist es sehr lustig. Für die Leute noch mehr als für mich :-)

 

Haben Sie bereits eine Idee fürs nächste Buch?

Also die Tinte von ‚Glaub nicht alles was du denkst’ ist ja noch nicht ganz trocken, das wäre jetzt verfrüht über ein neues Buch zu sprechen. 

 

Welche Lebensweisheit geben Sie unseren Lesern mit auf den Weg?

Ich hab’s nicht so mit Lebensweisheiten. Aber in ‚Das Leben ist zu kurz für später’ komme ich zu einer Einsicht, die ist eine Art Lebensweisheit:

Tun Sie alles, was Sie aus verletztem Stolz oder aus Stolz nicht tun, alles, was Sie nicht tun, weil es Ihnen peinlich ist oder weil Sie Angst davor haben, verletzt zu werden. Sagen Sie, was Sie nie gesagt haben, aus Scham oder aus Angst vor Verletzung oder weil es eine Konfrontation auslösen könnte. Vervollständigen Sie den Satz: 

Ich traue mich endlich ………………………………………………………………………………… !

Und den Satz: 

Ich will endlich nicht mehr: …………………………………………………………………………… !

Akzeptieren Sie als Grund für eine Entscheidung nur, was das Herz Ihnen sagt und keinen anderen und erfüllen Sie nicht die Erwartungen der anderen, erwarten Sie aber auch nicht, dass die Ihre Erwartungen erfüllen. Schreiben Sie Sätze auf, die Sie in der Kindheit immer gehört haben, die Veränderung verhindern:

Jetzt warte erst mal ab

Das kannst du immer noch machen

Und was, wenn …………… nicht funktioniert?

und lassen Sie sich von denen nicht Ihre Herzenswünsche versauen. Bringen Sie die Dinge zu einem guten Ende und lassen Sie die Menschen weg, die nicht Ihr Herz erwärmen. Gestehen Sie sich Ihre geheimen Wünsche ein und machen Sie all die Fehler, die auf Sie warten. Klären Sie die wichtigen Dinge: Wie, Wo, mit Wem, und von Was … wollen Sie leben. Tun Sie das alles, aus dem einfachen Grund, weil wir nicht sehr viel Zeit auf dieser Welt haben, das Leben ist so kurz. Zu kurz für später.

Und wenn dabei Ihre Welt in Stücke fliegt: Nur Mut. Der Vogel Phönix  stand aus der Asche auf, nicht aus einem Haufen lauer Kompromisse.